Thors Hammer – eine Geschichte aus Wikingerzeiten

Loki liebte Späße und Neckereien. Dem Gott Thor spielte er einmal einen besonders üblen Streich, als er dessen Gattin Sif das schöne blonde Haar abschnitt, das so üppig gewachsen war wie ein Weizenfeld im Sommer. Sif war eine ebenso schöne wie mächtige Frau: segnend und schützend hielt sie ihre Hand über die vielen Sippen des Menschengeschlechts in Mittelgard.

Als Thor, von langer Ostfahrt nach Hause kommend, das kahle Haupt seiner Gemahlin erblickte und hörte, welch ungeheuerlichen Frevel Loki begangen hatte, stürzte er auf den Feuergott und würgte ihn mit beiden Händen. „Ich breche dir alle Knochen im Leib, wenn du Sif nicht auf der Stelle neues, gleich schönes Haar schaffst!“ schrie er.

„Sie soll noch schöneres haben, wenn du mich losläßt“, ächzte Loki, „aus purem Golde soll es sein und doch wachsen wie natürliches Haar. Keine Frau der Welt wird so kostbares Haar haben wie Sif!“

Da ließ Thor Lokis Kehle los, und der Feuergott fuhr durch die Luft davon, weit fort ins Gebirge zu den Ywaldi-Söhnen, den zauberkundigen Schmiedezwergen aus Brimirs Stamm. Tief im unwegsamen Wald hatten sie ihre Schmiede.

Loki trat bei ihnen ein und forderte für Sif goldenes Haar, das wachsen konnte wie natürliches. Außerdem verlangte er von den Zwergen, sie sollten ein Schiff anfertigen, so groß, daß alle Asen darauf Platz hätten – doch es sollte auch so klein zusammenlegbar sein, daß man es zwischen zwei Nußschalen verstecken könnte. Zum dritten forderte Loki die Zwerge auf, einen Speer zu schmieden, dessen Stoß niemand widerstehen könne. Nur widerwillig gehorchten die Ywaldi-Söhne und machten sich mürrisch an die Arbeit, denn sie liebten die Götter nicht.

Mit den fertigen Kunstwerken machte sich Loki auf den Heimweg nach Asgard. Da begegneten ihm zwei Zwerge aus Mimirs Stamm; sie hießen Sindri und Brokk.

„Welche Schätze hast du dir da aufgebürdet?“ fragten sie neugierig, und Loki zeigte ihnen stolz Haar, Schiff und Speer. Brokk zuckte jedoch verächtlich die Achsel und meinte: „Was die Ywaldi-Zwerge können, das können die Mimir-Zwerge noch viel besser! Mein Bruder Sindri und ich schmieden edlere Kleinode als diese! Willst du mit uns wetten?“

Loki ging die Wette ein. Die beiden Zwerge sollten nach eigener Wahl drei andere Kleinode schmieden, welche die ersten übertrafen. Vermochten sie das, so sollte Lokis Kopf den Zwergen gehören – andernfalls sollten ihm Sindris und Brokks Häupter verfallen sein.

Die Zwerge eilten in ihre Schmiede und begannen eifrig ihr Werk; sie freuten sich schon darauf, Lokis Kopf als Lohn für ihre Zauberarbeit zu erhalten, denn sie waren ihrer Sache sicher. Sindri warf eine Schweinshaut auf die Esse und befahl seinen Bruder Brokk an den Blasebalg. „Laß nicht ab zu blasen, bis ich aus der Glut herausnehme, was ich hineintat“, befahl Sindri, und Brokk gehorchte ihm.

Als Loki sah, wie eifrig Brokk blies, wurde ihm bange um seinen Kopf. Er verwandelte sich rasch in eine Fliege und stach den Zwerg in die Hand. Aber Brokk hörte nicht auf, den Blasebalg zu treten, und als Sindri das fertige Werk aus dem Schmiedefeuer zog, war es ein Eber mit goldenen Borsten.

Nun legte Sindri Gold in die Glut und gebot Brokk abermals, ohne Unterlaß zu blasen, bis das Werk gelungen sei. Brokk trat den Blasebalg, Loki verwandelte sich noch einmal in eine Fliege, setzte sich auf Brokks Hals und stach ihn doppelt so stark als zuvor. Wohl zuckte Brock ein wenig zusammen, aber er hörte nicht auf zu blasen, und als Sindri das Gold mit einer Zange wieder aus dem Feuer holte, war ein kostbarer Ring daraus geworden.

Zum drittenmal gebot Sindri seinem Bruder zu blasen, und diesmal legte er Eisen ins Feuer. Da setzte sich Loki auf Brokks Stirn und stach ihn so heftig zwischen die Augen, daß das Blut herabtroff und Brokk nichts mehr sehen konnte. Für einen Augenblick ließ er den Griff des Blasebalgs fahren und wischte sich das Blut weg. Aber dieser Augenblick hätte beinahe das ganze Werk verdorben.

„Was hörst du auf zu blasen?“ schrie Sindri den Bruder an. „Willst du die Wette verlieren?“ Doch als er das fertige Werk aus der Glut hob, war es ein herrlicher, blitzender Hammer; nur der Schaft war durch Brokks Schuld ein wenig zu kurz geraten.

Da verwandelte sich Loki wieder in seine frühere Gestalt. Sindri übergab Loki die drei Kostbarkeiten, und dieser ging mit Loki nach Asgard, wo die Wette entschieden werden sollte. Odin, Freyr und Thor wurden zu Richtern bestellt.

„Wie heißt der Speer und was vermag er?“ fragte Odin.

„Er heißt Giúngnir“, antwortete Loki, „und sein Stoß ist so gealtig, daßm niemand ihm wiederstehen kann.“

„Was bergen diese beiden Nußschalen?“ fragte Freyr. „Sie umschließen das Schiff Skibladnir“, antwortete Loki. „öffnest du die Nuß am Abend, so wächst das Schiff bis an die Sterne hinauf, und alle Asen finden darin Platz. Wohin du auch damit reisen willst, immer werden günstige Winde seine Segel schwellen. Am Morgen aber, wenn die Sonne aufgeht, schrumpft es wieder in die Nuss zurück, und du kannst es in die Tasche stecken.“

„Und das hier soll Sifs neues Haar sein?“, fragte Thor mißtrauisch. Er nahm das zarte und dennoch schwere Geschmeide und setzte es seiner Gattin auf. Doch kaum hatte das goldene Haar Sifs Kopf berührt, da wuchs es schon fest und umrahmte ihr Antlitz wie echtes Haar.

Nun prüften die Asen die drei anderen Kleinode.

„Was vermag dieser Ring?“, fragte Odin. „Wie heißt er?“

„Er heißt Draupnir, der Tropfer“, antwortete Brokk. „In jeder neunten Nacht träufeln von ihm acht ebenso kostbare Ringe hernieder.“

„Was vermag dieser Eber, und wie heißt er?“ fragte Freyr und wies auf das zweite Kleinod.

„Er heißt Gullinborsti, der Goldborstige“, antwortete der Zwerg. „Schneller als jedes Pferd trägt er seinen Reiter durch die Lüfte, und seine Borsten erhellen die finstere Nacht.“

„Und dieser eiserne Hammer, was vermag er?“ fragte Thor mit finsterer Miene.

„Wie weit du ihn auch wirfst“, sagte Brokk, „stets kehrt er wieder in deine Hand zurück. Wie stark du auch mit ihm zuschlägst, niemals nimmt er selber Schaden. Er heißt Mjölnir, der Zermalmer.“

„Der Hammer ist das beste aller Kleinode!“ riefen die Asen wie aus einem Munde. „Mit ihm besitzen wir die stärkste Waffe gegen die Riesen!“

So war die Wette für die beiden Zwerge aus Mimirs Stamm entschieden. Odin erhielt Speer und Ring, Freyr den goldborstigen Eber und das Wunderschiff Skibladnir, Thor aber nahm den Hammer. Wie kurz sein Schaft auch geraten war, er lag ihm prächtig in der Hand.

Jetzt forderte Brokk Lokis Haupt, da die Zwerge die Wette gewonnen hatten. Sogleich bot der Feuergott ein hohes Lösegeld, aber der Zwerg wollte davon nichts wissen. Da rief ihm Loki zu, er möge ihn fangen – doch kaum griff Brokk nach ihm, als er auch schon weit von der Stelle wich, wo er eben noch gestanden war. Loki hatte nämlich Schuhe an den Füßen, die ihn in Windeseile durch die Lüfte trugen.

Da bat Brokk Thor, er möge Loki greifen und festhalten. Thor musste seiner Bitte wohl oder übel willfahren, hatte er doch den kostbaren Hammer bekommen; überdies wünschte er Loki Verderben.

Als dieser endlich gefangen war, stürzte sich Brokk sogleich auf ihn und wollte ihm den Kopf vom Rumpf trennen. Da rief Loki voll List: „Halt ein! Wohl darfst du meinen Kopf haben, doch kein Stückchen von meinem Hals!“

Wutentbrannt wollte der geprellte Zwerg dem Lügengott den Mund zunähen. Er zog ein Messer und einen Faden heraus, aber das Messer war zu stumpf. „Hätte ich doch meines Bruders Ahle hier, wie wollte ich dir dein Lästermaul schließen!“ rief der Zwerg, griff in die Luft – und hielt auch schon die Ahle in der Hand. Sindri hatte sie ihm durch Zauber nach Asgard geschickt. Nun durchstach er die Ober- und Unterlippe des Prahlers und nähte ihm mit einem Riemen den Mund zu. Loki schäumte vor Wut. Wie rasend stürzte er davon; lange, lange Zeit sahen ihn die Asen nicht wieder.

Was ist wohl aus Loki geworden?

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